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Um in der Linguistik herauszufinden, ob ein Wort echt mehrdeutig (ambig) ist oder ob es lediglich eine sehr weite, allgemeine Bedeutung (vage) hat, nutzen Sprachwissenschaftler spezifische semantische Tests.

Das Ziel dieser Tests ist es, das Sprachgefühl (die Intuition) durch logische Satzkonstruktionen objektiv messbar zu machen. Wenn ein Wort echte, voneinander getrennte Bedeutungen hat (wie im Wörterbuch unter 1. und 2. aufgelistet), verhält es sich in der Grammatik anders als ein Wort, das nur kontextabhängig interpretiert wird.

Im Folgenden werden drei wichtige linguistische Tests kurz erläutert:

1. Der Koordinations-Test (Zeugma-Test)

Dies ist der bekannteste Test. Er prüft, ob man zwei verschiedene Bedeutungen eines Wortes in einem einzigen Satzteil “zusammenzwingen” (koordinieren) kann.

  • Mechanik: Man nimmt ein fragliches Wort und verknüpft es durch ein “und” mit zwei Subjekten oder Objekten, die jeweils eine andere Bedeutung des Wortes erfordern.
  • Kriterium: Wenn der Satz plötzlich unfreiwillig komisch, falsch oder wie ein Wortspiel klingt (ein rhetorisches Zeugma entsteht), ist das Wort echt mehrdeutig.
  • Beispiel für Mehrdeutigkeit: Das Wort leicht (wenig Gewicht vs. geringer Schwierigkeitsgrad).
  • “Die Feder und die Mathematikaufgabe sind leicht.” klingt befremdlich. Beweis erbracht: “leicht” hat zwei völlig getrennte Bedeutungen.
  • Bogardus-Beispiel: “Der Hahn (Chromosomen) und das Krokodil (keine Chromosomen) sind männlich.” Da dieser Satz in der Biologie völlig normal und nicht wie ein Wortspiel klingt, belegt dies, dass “männlich” hier nicht mehrdeutig ist, sondern eine einzige Kernbedeutung hat (die bei beiden Spezies zutrifft).

2. Der Widerspruchs-Test (Kontradiktions-Test)

Dieser Test bedient sich der Logik. Er prüft, ob man einer Entität eine Eigenschaft gleichzeitig zu- und absprechen kann, ohne dass reiner Unsinn entsteht.

  • Mechanik: Man konstruiert einen Satz der Form: “X ist P und X ist nicht P.”
  • Kriterium: Ein echter logischer Widerspruch ist immer falsch (z. B. “Ein Hund ist kein Hund”). Wenn der Satz aber so gelesen werden kann, dass er sinnvoll oder wahr ist, muss das Wort P zwei verschiedene Bedeutungen haben.
  • Beispiel für Mehrdeutigkeit: Das Wort Schloss (Gebäude vs. Schließmechanismus).
  • “Dieses Schloss (an der Tür) ist kein Schloss (Gebäude).” ergibt logisch Sinn. “Schloss” ist mehrdeutig.
  • Bogardus-Beispiel: “Joe ist männlich und Joe ist nicht männlich.” (Im Sinne von: Er hat männliche Hormone, aber keine männlichen Chromosomen). Dieser Satz ist wörtlich genommen ein reiner logischer Widerspruch und ergibt keinen Sinn, es sei denn, man definiert die Kriterien im Nachhinein pragmatisch um. Das spricht linguistisch gegen eine echte Mehrdeutigkeit des Wortes “männlich”.

3. Der Identitäts-Test (Anapher- oder Ellipsen-Test)

Dieser Test prüft, ob das Gehirn beim Ergänzen von weggelassenen Wörtern die Bedeutung heimlich wechseln kann (die sogenannte Identity of Sense).

  • Mechanik: Man bildet einen Satz mit einem Stellvertreter-Konstrukt wie “… und das tut [Person B] auch” oder “… und [Ding B] ebenfalls”.
  • Das Kriterium: Wenn ein Wort mehrdeutig ist, verbietet es die Grammatik, die Bedeutungen über das “auch” hinweg zu kreuzen. Die Lesart muss zwingend identisch bleiben.
  • Beispiel für Mehrdeutigkeit: Das Wort Bank (Sitzmöbel vs. Geldinstitut).
  • “Anna sucht eine Bank, und Max tut das auch.”
  • Dieser Satz bedeutet zwingend, dass beide ein Sitzmöbel suchen oder beide ein Geldinstitut. Die gekreuzte Lesart (Anna sucht eine Sparkasse, aber Max sucht einen Platz zum Sitzen im Park) ist sprachlich verboten. Versucht man es trotzdem, entsteht wieder ein komödiantischer Effekt.

Fazit der Linguistik

Wenn ein Wort (wie “männlich” in der Biologie) diese Tests nicht besteht - also keine Wortspiele erzeugt, logische Widersprüche nicht auflösen kann und das “Überkreuzen” nicht verbietet -, gehen Linguisten davon aus, dass es univok (eindeutig) ist.

Es hat dann eine einzige, fundamentale Kernbedeutung. Dass das Wort bei Hähnen und Krokodilen an unterschiedlichen Indikatoren (Chromosomen vs. Bruttemperatur) festgemacht wird, ist dann keine Eigenschaft des Wortes, sondern lediglich eine Kontext-Information der realen Welt.