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Kinder wachsen heute in einer Umgebung auf, in der Informationen jederzeit verfügbar und gleichzeitig oft nicht verlässlich sind. Sie begegnen widersprüchlichen Aussagen, vereinfachenden Narrativen, emotional aufgeladenen Debatten und gezielten Desinformationen.

Mehr Orientierung entsteht hier nicht automatisch durch noch mehr Information. Forschung zeigt, dass dabei weniger fehlendes Wissen als vielmehr ein unzureichender Umgang mit Unsicherheit eine zentrale Herausforderung darstellt: Entscheidungen werden oft vorschnell getroffen, statt Alternativen abzuwägen, Begründungen zu prüfen und verbleibende Unsicherheit bewusst einzubeziehen (Rauscher & Badenhorst, 2021).

Zielsetzung

An diesem Hebel setzt das Bildungsprojekt „Mein Kopf gehört mir” an: Ziel ist es, Kinder früh darin zu stärken einerseits Informationen eigenständig zu prüfen, begründete Einschätzungen zu entwickeln und daraus verantwortliche Entscheidungen und Handlungen abzuleiten – und andererseits alternative Perspektiven zu berücksichtigen und systematisch zu vergleichen.

Explizit gefördert werden sollen dabei nicht nur die Fähigkeiten zum kritischen Denken, sondern auch die Bereitschaft, diese anzuwenden indem z.B. Neugierde kultiviert sowie exploratives Lernverhalten ermutigt werden.

Darüber hinaus sollen mit dem Projekt Bildungspolitische Impulse zur Stärkung einer demokratischen offenen Gesellschaft gegeben werden. Hierfür zielt das Projekt auf die Etablierung eines allgemeinverbindlichen, weltanschaulich neutralem Philosophie- bzw. Ethikunterricht ab, der Kinder und Jugendliche in die Lage versetzt ein eigenes Weltbild zu entwickeln.

Das Projekt konzentriert sich dabei auf vier zentrale Kompetenzen:

  1. Aussagen verstehen und prüfen – d.h. zwischen Beobachtung, Interpretation und Bewertung unterscheiden zu können, vorschnelle Schlussfolgerungen zu vermeiden und gezielt nach Gründen und Belegen zu fragen.

  2. Faktenbasiertes Denken und Entscheiden – d.h. einfache Wenn-Dann-Hypothesen formulieren und Prüfstrategien anwenden, sowie Umgang mit offenen Problemen ohne eindeutige Lösung.

  3. Dialogisches Denken und begründetes Argumentieren – d.h. in Diskussionen eigene Positionen zu begründen und bereit sein, diese zu überdenken, auf Beiträge anderer einzugehen.

  4. Perspektivische Vielfalt verstehen – d.h. unterschiedliche Sichtweisen zu erkennen und gegeneinander abzuwägen, ohne vorschnell zu vereinfachen, respektvoll zu diskutieren und pauschale Vorurteile zu hinterfragen.

Diese Kompetenzen sind eng miteinander verbunden und bilden die Grundlage dafür, sich in einer komplexen Welt orientieren zu können – gerade dort, wo einfache Antworten besonders verlockend erscheinen. Wer gelernt hat, Differenzierung auszuhalten, Begründungen zu prüfen und Perspektiven zu wechseln, ist weniger anfällig für vereinfachende Weltbilder, pauschale Zuschreibungen oder ideologische Vereinnahmung.

Umsetzung und aktueller Entwicklungsstand

Das Projekt versteht kritisches Denken dabei nicht als abstrakten Theorieunterricht, sondern als konkrete Praxis. Im Unterricht bedeutet das: Schüler lernen konkret Dinge zu beobachten, zu begründen, zu hinterfragen, zu prüfen, Perspektiven wechseln und gemeinsam zu reflektieren. Ziel ist es, diese Denk- und Gesprächsformen systematisch in den Schulalltag zu integrieren.

Mein Kopf gehört mir” ist ein von der Giordano-Bruno-Stiftung und dem Hans-Albert-Institut initiiertes Projekt, das in Zusammenarbeit mit Scientific Temper entwickelt und umgesetzt wird.

Aktuell befindet sich das Programm in der konzeptionellen Entwicklungsphase für die Primar- und Orientierungsstufe, insbesondere für die Altersgruppe von 8 bis 12 Jahren. Die Inhalte sind dabei als Baukastensystem angedacht, das Lehrkräfte flexibel einsetzbare Einheiten an die Hand gibt, die sich an bestehenden Unterrichtsstoff anschließen lassen, ohne notwendigerweise ein eigenes Fach zu erfordern.

Bis Ende des Jahres ist geplant, erste Materialien zu einer praxistauglichen Form auszuarbeiten und auf einer eigens für das Projekt angelegten Website zur Verfügung zu stellen. Perspektivisch ist zudem eine Ausweitung auf weitere Altersstufen vorgesehen.

Referenz:

Rauscher, W., & Badenhorst, H. (2021). Thinking critically about critical thinking dispositions in technology education. International Journal of Technology and Design Education, 31, 465–488. https://doi.org/10.1007/s10798-020-09564-3