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Einleitung

Spaltung in der Skeptikerbewegung:
Von der deutschen Skeptikerbewegung, die sich in den 80iger Jahren in der GWUP organisierte, hat sich nach den Umbrüchen1 im Jahr 2023 die Gruppierung Skeptix abgespalten. Diese gibt an, sich ebenfalls dem wissenschaftlichen Skeptizismus und kritischem Denken2 zu widmen. Bisher (August 2026) ist immer noch kein Grundsatzpapier bekannt, das ihre Position aussagekräftig vom älteren Ansatz unterscheidet. Wie bereits in unserem Artikel “Hochmütige Naturwissenschaft?” verfolgen wir daher den Ansatz, das neue Denken analytisch aus einzelnen, verstreut erschienenen Artikeln dieser neuen Szene herauszudestillieren.

Gegenstand der Betrachtung:
Der promovierte Physiker Holm Hümmler ist ein wichtiger Vertreter3 des neuen wissenschaftlichen Selbstverständnisses. Er hat sich mehrfach zum neuerdings umstrittenen Begriff des Geschlechts in der Evolutionsbiologie geäußert. Nach einer kurzen Stellungnahme auf X (ehemals Twitter) wurde er unter anderem zu diesem Thema interviewt.4 Mittlerweile liegt mit dem Artikel “Die zwei Geschlechter und die Logik des Quantenquarks”5 auch eine schriftliche Fassung vor, in der er seinen Standpunkt darlegt. Gleichzeitig existiert nun auf gwup.org der Grundsatzartikel “Geschlecht - Die neuen Irrungen und Wirrungen um einen altbewährten Begriff”6 des habilitierten Biologiedidaktikers Dittmar Graf. Damit liegen zwei Schriftstücke zum gleichen Thema vor, die einen Vergleich der beiden Ansätze gestatten. Für diesen Vergleich ziehen wir die Methodik der Autoren sowie die daraus resultierenden Ergebnisse heran.

Wissenschaftlicher Hintergrund:
Das Umfeld dieses Diskurses ist dadurch geprägt, dass bereits seit den 1970er Jahren einige Strömungen in der Soziologie die Naturwissenschaften herausfordern. Damals entstand in Schottland und Frankreich das sogenannte „Strong Programme“ der Soziologie. Es postuliert einen starken Sozialkonstruktivismus, demzufolge sich auch empirisch bewährte Theorien lediglich anhand sozialer Kriterien erklären lassen sollen. In den Gender Studies kam es zu einer Kritik an der Evolutionsbiologie. Ihren Höhepunkt erreichte diese Frontstellung gegen die Biologie in Judith Butlers Standardwerk “Gender Trouble” (1990). Butler argumentiert darin, dass auch das biologische Geschlecht erst durch gesellschaftliche Diskurse und sprachliche Zuschreibungen erzeugt und verfestigt werde. Diese Zuspitzung ist bis heute aktuell, beispielsweise wenn darüber gestritten wird, ob biologische Männer schwanger werden können.7 Dies hat Reaktionen vonseiten der Biologie ausgelöst, die auf naturwissenschaftliche Evidenzen hinweisen.8

Inhalt

Eilige können gleich zum Fazit springen. Die einzelnen Abschnitte des Gesamttextes präsentieren jeweils spezielle Aspekte im Detail. Die Namen in den Titeln stehen für die Autoren, um deren Texte es darin geht. Einschübe und ein Exkurs präsentieren Kontexte, in denen das Thema steht. Im Folgenden sind alle Abschnitte verlinkt:

Hümmler - In drei Schritten zum physikalischen Unfug

Hümmler veröffentlichte 2017 sein Buch “Relativer Quantenquark”.9 Darin legt der Autor überzeugend dar, dass sich esoterische und alternativmedizinische Konzepte keineswegs mit der Relativitätstheorie oder der Quantenphysik begründen lassen.10 In seinem Beitrag zum biologischen Geschlecht nimmt er darauf Bezug und erläutert ein Schema, wie “Quantenschwurbler” eine “schrittweise Eskalation des Unsinns von der Wahrheit bis zu dem Bullshit” vornehmen. Diese Form der Fehlargumentation besteht laut Hümmler aus drei Schritten:

  1. “Man beginnt mit einer (bei korrekter Formulierung) wahren Aussage.”
  2. “Man formuliert bewusst ungenau, so dass man nicht lügt, aber bei Laien ein falscher Eindruck entsteht.”
  3. “Man folgert daraus ungehemmt völlig unhaltbare Behauptungen.”

Hümmler präsentiert drei Beispiele solcher unhaltbaren Schlussfolgerungen aus der Physik:

  • Relativitätstheorie11
    1. Energie und Masse sind nach der allgemeinen Relativitätstheorie äquivalent (E = mc²).
    2. Also ist Materie nichts weiter als reine Energie.
    3. Daher kann die Energie menschlicher Gedanken die Realität nach ihren Wünschen formen.
  • Physikalische Messungen
    1. Bei quantenmechanischen Messungen tritt der sog. Beobachtereffekt auf.
    2. Also beeinflussen Beobachter das Ergebnis einer physikalischen Messung.
    3. Deswegen legen Beobachter das Ergebnis der Messung fest und es ist damit möglich, eine mehr oder weniger beliebige Zukunft zu bestimmen.
  • Quantenverschränkung
    1. Zwei gemeinsam entstandene und von einander entfernte Teilchen können sich in einem verschränkten (korrelierten) Zustand befinden, solange sie vollständig von der Außenwelt isoliert bleiben.
    2. Diese Quantenverschränkung ist nach neuen Forschungsergebnissen auch in Größenordnungen des Alltags relevant.
    3. Daher hängt alles mit allem zusammen und bereits ein Wunsch kann sich auf die ganze Welt auswirken.

Das sind alles valide Beispiele für unsinnige Schlussfolgerungen, die ihren Ausgangspunkt in physikalischen Gesetzmäßigkeiten haben.

Fraglich ist lediglich, ob tatsächlich immer “bewusst ungenau” formuliert wird, um Laien gezielt zu täuschen. Es lässt sich nämlich nicht generell ausschließen, dass die Behauptungen auch aus Unkenntnis der bemühten Physik entstehen.

Um Aussagen bewusst ungenau gestalten zu können, scheint zumindest ein gewisses Maß an Vorüberlegung sowie ein minimales semantisches Verständnis der zu verbiegenden Begriffe erforderlich zu sein. Damit eine Ungenauigkeit als solche ins Bewusstsein gelangen kann, muss ungefähr bewusst sein, worin sie besteht. Das lässt sich als vorsätzliche Täuschungsabsicht auslegen. Damit entfernen wir uns von der reinen Sachebene und bewegen uns hin zu vermuteten persönlichen Absichten, Motiven oder Interessen.

Weit unten in der Diskussion widerspricht sich Holm Hümmler jedoch selber, wenn er “Überzeugung oder […] Dämlichkeit” doch nicht ausschließt.12

Hümmler - Vergleichbarer Unfug beim Geschlechtsbegriff der Biologie?

Erstaunlich ist jedoch die Behauptung Hümmlers, es gebe eine “frappierende Ähnlichkeit der Argumentation […] mit der der Quantenschwurbler”, wenn es um den biologischen Geschlechtsbegriff gehe. Diese “Scheinargumentation” sei angeblich wie folgt:

  1. “Bei der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung gibt es genau zwei Geschlechter von Fortpflanzungszellen.”13
  2. Also gebe es in der Biologie genau zwei Geschlechter.14
  3. Daraus folge eine gesellschaftliche Norm, die bestimmte Verhaltensweisen, Bedürfnisse oder körperliche Voraussetzungen als erwünscht definiere.15

Die Struktur des unterstellten Gedankengangs besteht darin, dass

  1. er mit einer beinahe tautologischen Banalität beginnt und
  2. er dann zu einer vagen “Definition, [die] gerade zu den gewünschten genau zwei Geschlechtern führt”, übergeht, aus der dann
  3. eine ausgrenzende, abwertende und transfeindliche gesellschaftliche Norm abgeleitet wird.

Es geht dabei um den Vorwurf schwerwiegender argumentativer Mängel:

  • Es würden logisch ungültige Schlussfolgerungen gezogen (Non Sequiturs).
  • Bei der vage gehaltenen Definition handele es sich um den rhetorischen Trugschluss des Motte-und-Bailey-Arguments, bei dem eine kontroverse, schwer zu verteidigende Position (Bailey) mit einer leicht zu verteidigenden, banalen Aussage (Motte) vermengt wird.
  • Aus einer vermeintlichen Tatsache würde eine Norm abgeleitet, was dem naturalistischen (Sein-Sollen) Fehlschluss entspricht.
  • Dies alles sei eine unlautere (“bewusst[e]”) Scheinargumentation mit der ethisch zu verurteilenden Absicht, Personengruppen zu diskriminieren.

Einschub - Religiöse Kritik an Darwins Evolutionstheorie

Als Charles Darwin 1859 “On the Origin of Species” veröffentlichte, wurde seine Evolutionstheorie von konservativen Kreisen der Anglikanischen Kirche völlig abgelehnt. Die Sorge war, dass die Evolution die Sonderstellung des Menschen als Ebenbild Gottes zerstören sowie zufällige Variation und Selektion den teleologischen Plan Gottes ersetzen würden.

Aus unterschiedlichen theologischen Motiven heraus lehnen fundamentalistische religiöse Strömungen auch heute noch die Evolution ab oder schränken sie stark ein wie z.B. im evangelikalen Christentum (USA) oder im islamischen Kreationismus (Türkei, Golfstaaten). Der Glaube an eine gezielte Weltschöpfung inklusive aller Lebewesen durch übernatürliche (numinose) Mächte ist sogar weltweit verbreitet und zieht sich durch fast alle Kulturen.

Tautz - Gescheiteter Versuch kategoriale Geschlechtsbegriffe zu vermeiden

Als stützenden Beleg zitiert Holm Hümmler einen “wunderbaren Leitartikel im Laborjournal, geschrieben von Prof. Dr. Diethard Tautz, dem kürzlich emeritierten Direktor der Abteilung ‘Evolutionsgenetik’ am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön.”

Wir verweisen an dieser Stelle auf die ausführliche Analyse16 dieses Beitrags sowie eines Folgeartikels von Diethard Tautz. Es sei hier nur so viel bemerkt, dass Tautz einem performativen Widerspruch erliegt, da er an seinem eigenen Anspruch scheitert, kategoriale Geschlechtsbegriffe zu vermeiden. An mehreren Stellen seiner beiden Arbeiten ergeben seine Aussagen ohne den binären reproduktionsbiologischen Geschlechtsbegriff nämlich schlicht keinen Sinn. Zudem begeht der Autor wiederholt den moralistischen Fehlschluss, indem er von einer ethischen Norm (individuelle Freiheit, Ablehnung von Rollenzwängen) auf die Irrelevanz biologischer Fakten (Binarität anisogamer Fortpflanzungsfunktionen) schließt. Sein Bemühen, den sozialkonstruktivistischen Begriff der Genderfluidität in die allgemeine Evolutionsbiologie einzuführen, erscheint wissenschaftlich aussichtslos.

Hümmler - Fehlargumentation in der Biologie: Ein Strohmann

Die von Hümmler unterstellte Dreischritt-Argumentation der Biologie ist ein Strohmann. Es gibt sie in der Biologie schlicht nicht.

  1. Die sexuelle Reproduktion ist nicht banal; sie wurde daher intensiv wissenschaftlich untersucht.
  2. Die Rede von den beiden Geschlechtern in der Biologie ist nicht vage oder manipulativ, sondern beruht auf den beiden Funktionen bei der anisogametischen Fortpflanzung. Weibchen produzieren große Eizellen, Männchen hingegen erheblich kleinere Samenzellen. Zwitter wiederum können beide Keimzellentypen erzeugen.
  3. Aus der Tatsache der sexuellen Reproduktion über zwei Geschlechter leitet die Biologie keinerlei gesellschaftliche Normen ab.

Im biologischen Kontext ist mit dem Begriff “Geschlecht” immer die Ausrichtung eines Organismus auf eine der beiden anisogamen reproduktiven Funktionen17 gemeint, auch wenn das Attribut “biologisch” nicht explizit genannt wird. Bei dem von Hümmler als Gegenbeispiel18 genannten Honigbienenarbeiterinnen handelt es sich demnach um Weibchen, da bei ihnen die entsprechenden Fortpflanzungsstrukturen angelegt sind - ungeachtet der Tatsache, dass die Pheromone der Königin die Reifung ihrer Eizellen verhindern. Die anisogamen Fortpflanzungsmechanismen lassen sich nicht sozial konstruieren, da sie bereits existierten, lange bevor es menschliche Sozialkonstrukte überhaupt gab.

Graf - Was die Biologie unter Geschlecht versteht

Dem Beitrag Holm Hümmlers lässt sich der Grundlagenartikel von Dittmar Graf gegenüberstellen. Während Hümmler lediglich erwähnt, dass biologisches Geschlecht komplex sei und sich “nicht auf ein primitives ‘nur zwei’ reduzier[en]” lasse, erläutert Graf den Begriff ausführlich und grenzt ihn auch von Sozialkonstrukten ab. Es lohnt sich, den Artikel vollständig zu lesen. Im Folgenden werden nur einige Stichpunkte aufgeführt:

  1. Begriffsdefinitionen oder -erläuterungen sind in der Wissenschaft unerlässlich. Ohne ein gemeinsames Begriffsverständnis muss jeder wissenschaftliche Diskurs an Missverständnissen oder Aneinander-Vorbeireden scheitern.
  2. Der Begriff des biologischen Geschlechts ist durch wesentliche Eigenschaften seiner Bezugsobjekte definiert, durch die sie sich von anderen unterscheiden.
  3. Mit dem biologischen Geschlecht ist immer die reproduktive Funktion anisogamer Organismen gemeint.
  4. Das Geschlecht eines Organismus ergibt sich aus seiner Entwicklung hin zur Produktion eines der beiden Keimzellentypen, Makro- oder Mikrogameten.
  5. Diese Definition ist unabhängig von rechtlichen, sozialen oder kulturellen Kategorien.
  6. Der Geschlechtsbegriff gilt unabhängig davon, ob aktuell Gameten gebildet werden oder die entsprechenden Strukturen aktiv, eingeschränkt oder vorhanden sind. Ausschlaggebend ist der zugrunde liegende entwicklungsbiologische Prozess, der typischerweise zur Produktion eines bestimmten Gametentyps führt - selbst wenn dieser Prozess im Einzelfall ausbleibt oder gestört ist.
  7. Die sexuelle Fortpflanzung kombiniert effizient unterschiedliche genetische Informationen. Dadurch erhöht sich die Variabilität innerhalb einer Population, was Anpassungen an veränderte Umweltbedingungen erleichtert.
  8. Die funktionalbiologische Geschlechtsdefinition ist weitaus allgemeingültiger als Definitionen, die sich auf äußere Merkmale, Hormonkonstellationen oder Chromosomenmuster stützen.
  9. Seltene Sonderfälle wie genetische Abweichungen oder intersexuelle Merkmale, die bei Menschen und anderen Organismen auftreten können, verdeutlichen nur die Variation innerhalb der binären Kategorien, begründen jedoch keine neuen biologischen Geschlechter. Personen mit solchen Abweichungen lassen sich entweder als männlich oder weiblich einordnen oder gelten als unklassifizierbar.
  10. Dass die Geschlechtsentwicklung ein komplexer Prozess ist, ändert nichts an der fundamentalen binären Natur des biologischen Geschlechts.
  11. Zweigeschlechtlichkeit ist keine willkürliche Annahme. Vielmehr handelt es sich um eine manifeste evolutionsbedingte Eigenschaft komplexer Organismen.
  12. Die variable Ausprägung von Geschlechtsmerkmalen ändert nichts an der fundamentalen Zweigeschlechtlichkeit.
  13. Biologische Grundlagen (Sexus) und soziale oder psychologische Konstruktionen (Gender, Geschlechtsidentität) sind zu unterscheiden.
  14. Sozialkonstruktionen blenden die fortpflanzungsbiologische bzw. evolutionäre Perspektive aus.
  15. Die reproduktive Ausrichtung eines Organismus lässt sich nicht einfach beliebig zuweisen. Das ist nur bei Genderattributen wie Rollen oder Erwartungen möglich, da diese gesellschaftlich und kulturell geprägt sind.
  16. Sozialkonstruktivistische Auffassungen von biologischem Geschlecht beruhen auf dem moralistischen bzw. idealistischen Fehlschluss, bei dem fehlerhaft von moralischen Postulaten (Sollen) auf Tatsachen (Sein) geschlossen wird.
  17. Homo sapiens kann sich nicht einfach per Sprechakt von seiner Biologie lösen. Menschen nehmen keine Sonderstellung in der Evolutionsbiologie ein. Sie sind Säugetiere mit einem umfangreichen kulturellen Überbau.
  18. Die Evolutionsbiologie ist als Naturwissenschaft rein deskriptiv und trifft keine normativen Aussagen.
  19. Die Beschreibung der biologischen Natur des Menschen ist nicht menschenverachtend, sondern zeigt im Gegenteil eine wesentliche Bedingung der Möglichkeit ihrer Existenz auf.

Hümmler - Verwirrende Aussagen über Organismen und Geschlecht

Zunächst beschränkt Hümmler den Geschlechtsbegriff auf Gameten, 19 dann wechselt er vom Begriff des Geschlechts zu Geschlechtsmerkmalen, die er unbekannterweise in distanzierende Anführungszeichen setzt. 20 Ohne einen Geschlechtsbegriff liefert der Wortbestandteil “Geschlecht” allerdings keinen semantischen Gehalt und bei den “Geschlechtsmerkmalen” handelt es sich damit einfach um beliebige Merkmale. Möchte Hümmler dies vielleicht über die Anführungszeichen ausdrücken? Wenn Organismen aber kein Geschlecht haben, was bedeutet es dann, wenn Hümmler von männlichen und weiblichen Merkmalen schreibt?

Es sei nur eine Definition und keine Erkenntnis, dass sich der Geschlechtsbegriff “in einigen Feldern der Biologie” an den Gametentypen orientiere.21 Ohne Begriffe kann es jedoch keine Erkenntnis geben. Hümmler scheint zu bestreiten, dass ein sinnvoller biologischer Geschlechtsbegriff für ganze Organismen überhaupt existiert.22 Dass männlich und weiblich in der Biologie eindeutig und allgemeingültig definiert sind, hält Hümmler für “Unsinn”.23 In der Diskussion deutet er auch an, dass der biologische Geschlechtsbegriff entweder “zirkulär oder reaktionär”24, “weitgehend willkürlich”25 oder “Fiktion”26 sei. Dieser Begriff entstamme “vermeintliche[r] Wissenschaft” und es gehe darum, “zu verhindern, dass das Ansehen der Wissenschaft für menschenfeindliche Ideologie missbraucht” werde.27 Damit meint Hümmler die Evolutionsbiologie, die mit einem an der Fortpflanzung orientierten Geschlechtsbegriff arbeitet. Unabhängig von ihrer Beschaffenheit ist die Reproduktionsfähigkeit jedoch eine notwendige biologische Eigenschaft für den Fortbestand allen irdischen Lebens. Reproduktion ist somit ein zentrales Thema der Biologie und keine bloße Randnotiz.

Der Autor moniert, dass den Sozialkonstruktionen (“Fragen des sozialen Geschlechts”) gegenüber der Biologie eine minderwertige Existenzberechtigung zugesprochen werde.28 Bei Genderkonstrukten und dem biologischen Geschlecht handelt es sich jedoch häufig29 um verschiedene nicht direkt vergleichbare Kategorien. Aus der anschließenden Diskussion geht schließlich hervor, dass Hümmler die Begriffe Frau und Mann lediglich als das Ergebnis einer Sozialkonstruktion ohne jeden Bezug zur Fortpflanzungsbiologie sieht.30

Laut Hümmler lässt sich der biologische Geschlechtsbegriff nur dann auf einen Organismus anwenden, wenn aktuell auch eine Gametenproduktion stattfindet.31 Ausschlaggebend für die Geschlechtszuordnung ist jedoch die entwicklungsbiologische Ausrichtung eines Organismus auf die Produktion eines bestimmten Gametentyps - unabhängig davon, ob dieser Prozess aktuell stattfindet. Zur Verwirrung trägt bei, dass Hümmler in der Diskussion32 dieses Unterscheidungskriterium zwischen weiblich und männlich bei Ratten jedoch als “schlichte Realität” zu akzeptieren scheint, wenn er schreibt, “dass jede dieser Ratten Entwicklungsschritte hin zur Produktion von Eizellen und solche hin zur Produktion von Spermien durchgemacht” hat.

Graf - Strategien der Kritik an der Zweigeschlechtlichkeit

Dittmar Graf erläutert, mit welchen Argumenten die biologische Zweigeschlechtlichkeit häufig kritisiert wird.

  1. “Geschlecht wird entweder gar nicht oder übermäßig komplex und unverständlich definiert, sodass eine klare Begriffsbestimmung fehlt. Häufig werden biologisches Geschlecht, Ausprägung von Geschlechtsmerkmalen und Geschlechtsidentität bzw. Geschlechterrolle (Gender) nicht oder nicht ausreichend voneinander unterschieden.”
  2. “Es werden Definitionen des biologischen Geschlechts angegriffen, die von der Biologie in dieser Form nicht vertreten werden, um eine Vielgeschlechtlichkeit herbeizureden.”
  3. “Die Rolle der Biologie bei der Feststellung des Geschlechts wird ignoriert. Besonders auffällig ist die allgemeine Akzeptanz der impliziten und abwegigen Annahme, der Mensch habe sich über seine körperliche Basis erhoben und sei der Biologie entwachsen.”
  4. “Personen, die die biologische Definition von Geschlecht vertreten, werden persönlich angegriffen und moralisch verunglimpft, um ihre Argumente zu delegitimieren und sie gesellschaftlich zu isolieren.”

Oft wird behauptet, die binäre Geschlechtsaufteilung sei überholt. Aus evolutionär-funktionaler Perspektive ist sie jedoch keineswegs überholt, sondern gilt weiterhin als wichtige evolutionäre Entwicklung, die eine größere genetische Variabilität ermöglicht.

Exkurs - Geschlecht in den Sozialwissenschaften

Hümmler zitiert offenbar zustimmend eine Arbeit33 der habilitierten Sozialwissenschaftlerinnen Mechthild Bereswill34 und Gudrun Ehlert35. Der Beitrag erschien 2022 in der halbjährlichen erscheinenden Fachzeitschrift “Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit”, bei der sich jede Ausgabe einem spezifischen thematischen Schwerpunkt widmet. Das zitierte Heft “befasst sich mit Phänomenen und Positionen der Wissenschaftsfeindlichkeit und nimmt Wissenschaftskommunikation und die große Bedeutung der Wissenschaft für die Demokratie in den Blick.”

Bereswill und Ehlert monieren in ihrem Text, dass rechte, christliche und bürgerlich-konservative Kreise “sich generell gegen den Wandel gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse und gegen die geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung” (S.132) richten. Die Autorinnen kritisieren unter anderem:

“Die wissenschaftliche Einsicht, dass Geschlecht sozial konstruiert ist, wird als ‘Ansicht’ relativiert und naturwissenschaftliches Wissen (Biologie) dagegengesetzt. […] Die […] Frage ‘Von der Existenz wie vieler Geschlechter geht sie aus?’ zielt explizit darauf, sozialkonstruktivistische Ansätze der Geschlechterforschung, die Geschlecht als soziale Konstruktion konzipieren, in Frage zu stellen. […] Solche Fragen und Anweisungen ziehen theoretisches Wissen der Geschlechterforschung ins Lächerliche. Zugleich transportieren sie auf subtile Weise die Ablehnung vielfältiger Lebensentwürfe jenseits einer binären Geschlechterordnung.” (Bereswill & Ehlert, S.136)

Interessant sind die Passagen, in denen betont wird, dass das Verständnis von Geschlecht als Sozialkonstruktion weder relativiert noch infrage gestellt werden dürfe. Es scheint auf unzulässige Weise “theoretisches Wissen der Geschlechterforschung ins Lächerliche” zu ziehen, wenn naturwissenschaftliches Wissen in Form der Biologie dagegengesetzt werde. Die Autorinnen erwecken den Eindruck, dass der biologische Geschlechtsbegriff per se auf subtile Weise die Ablehnung vielfältiger Lebensentwürfe jenseits einer binären Geschlechterordnung transportiere.

Wir haben es dabei mit einem Begriffschaos zu tun, wie es in den Sozialwissenschaften leider zu häufig vorkommt und das auch noch vehement verteidigt wird. Eine Differenzierung zwischen biologischem Geschlecht und den damit korrelierenden gesellschaftlichen Rollen findet nicht statt. Die Ansicht, dass Geschlecht nichts als eine Sozialkonstruktion sei, entspricht dem Ansatz von Judith Butler aus dem Jahr 1990,36 der trotz ca. 30 Jahre währender Kritik anscheinend immer noch vertreten wird.

Dass politische Parteien Fakten instrumentalisieren, lässt sich in einer Demokratie kaum vermeiden. Zumindest in der Wissenschaft sollte es aber möglich sein, manipulative Instrumentalisierungen aufzudecken, ohne dabei gleich die Fakten zu verzerren oder zu leugnen. Seltsam ist auch, dass es beispielsweise kaum jemanden in der AfD zu interessieren scheint, dass Alice Weidel in einer lesbischen Partnerschaft lebt. Zählen homoerotische Partnerschaften nun nicht mehr zu den vielfältigen Lebensentwürfen?

Durch ihren Text rahmen Bereswill und Ehlert Biologie als menschen- und wissenschaftsfeindlich. Biologische Tatsachen sind jedoch die Voraussetzung für die mögliche Existenz von Menschen überhaupt.


Graf zitiert die habilitierte Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky, die den Schwerpunkt Gender Studies37 an der Ludwig-Maximilians-Universität München vertritt. In einem Spiegel-Interview38 definiert sie den Begriff von ‘Geschlecht’ zunächst lediglich als eine mit sieben Prädikaten versehene Geschlechterdifferenzierung. Wie Graf richtig anmerkt, bleibt der Begriff Geschlecht wegen der Zirkularität der Definition jedoch leer. Es wird lediglich ausgesagt: “X ist eine X-Differenzierung in verschiedenen Dimensionen”. Dadurch lernen wir nichts über die Bedeutung von ‘X’ selbst. Diese Zirkularität der Geschlechtsdefinition ist auch dem Aktivismus eigen: Eine Person hat das Geschlecht G, wenn sie sich mit G identifiziert. Oder kurz: G ist G-Identifikation.

In einem weiteren Definitionsansatz umschreibt Braslavsky Geschlecht als einen Prozess, an dem unter anderem die Biologie und die Kultur beteiligt sind. Ohne zu wissen, was Braslavsky unter Prozess versteht, bleibt der Geschlechtsbegriff auch in dieser Definition unklar: Er ist etwas nicht näher Spezifiziertes mit Biologie und Kultur. Fortpflanzung als ein wesentlicher Bestandteil der Conditio humana kommt darin nicht explizit vor.

Im Text, in dem sie ihr Forschungsfeld Gender Studies an der LMU München vorstellt, schreibt die Autorin:

“In der Forschung, also den ‘gender studies’, bezeichnet der Begriff gender eine von Menschen in historischen Prozessen gemachte, verobjektivierte soziale Differenz, die überdies mit anderen Differenzen (wie Klasse/Schicht, Sexualität, Alter usw.) verschränkt ist. Nach Männern und Frauen bzw. männlich/weiblich zu unterscheiden beinhaltet also komplexe soziale Prozesse, in die selbstverständlich auch biologische, z.B. hormonelle oder genetische, Aspekte einfließen. Dabei geht die Forschung mit dem Begriff ‘gender’ davon aus, dass die Geschlechterdifferenz nicht allein, nicht ursächlich, nicht monokausal und womöglich nicht mal entscheidend von einer an-und-für-sich-Seienden natürlichen Basis determiniert wird. Denn einerseits ist die Unterscheidung zwischen den Geschlechtern historisch, regional und je nach Kontext hoch variabel, andererseits bedarf jede biologische Tatsache der Interpretation, sofern sie gesellschaftlich relevant ist.”39

Der Artikel verspricht mit seinem Titel “Was meint Gender?”, den Forschungsgegenstand präzise zu beschreiben. Leider liefert aber auch dieser Beitrag keine klare Unterscheidung zwischen Geschlecht und gesellschaftlichen Rollen:

  • Gender sei das Resultat menschlichen Handelns, das ein soziale Differenz über Generationen hinweg verfestigt habe. Diese Differenz sei über intersektionale Beziehungen mit anderen Differenzen verschränkt.
  • Zwar flössen verschiedene biologische Aspekte in diese Differenz ein, die Biologie reiche aber keineswegs aus, um Männer von Frauen zu unterscheiden. Letzteres wird über eine gleich vierfache Verneinung rhetorisch besonders betont.
  • Das aus der Evolution der Säugetiere stammende biologische Geschlecht wird nur indirekt als “an-und-für-sich-Seiende[.] natürliche[.] Basis” hegelianisch angedeutet.
  • Die Unterscheidung zwischen den Geschlechtern sei in mehrerer gesellschaftlicher Hinsicht hoch variabel, was nahelegt, dass der soziale Faktor als der entscheidende vorausgesetzt wird.
  • Biologische Tatsachen hätten für sich genommen keine gesellschaftliche Aussagekraft.

Das Verhältnis zwischen Gender und Geschlecht ist in diesem Text nicht eines zwischen gesellschaftlichen und biologischen Aspekten, sondern Gender ist das übergeordnete Prinzip. Der Begriff des biologischen Geschlechts bleibt ungeklärt. Es wird nur etwas angedeutet, das Bogardus “The Complex View” nennt, worauf wir weiter unten noch näher eingehen.

Dass es angeblich “hoch variabel” ist, Männer und Frauen auch nur voneinander zu unterscheiden, kennzeichnet den Geschlechtsbegriff als beinahe beliebige Sozialkonstruktion. Lässt es sich wirklich hoch variabel einschätzen, ob Frauen oder Männer gebärfähig sind? Wie sollen sich die gesellschaftlichen Rollen von Frauen oder Männern über die Zeit hinweg untersuchen lassen, wenn sich ständig ändert, was als Frau oder Mann gilt?

Hümmler - Kraftvolle moralistische Wertungen

In seinem nicht sehr umfangreichen Text geht Hümmler großzügig mit negativ bewertenden Begriffen um, wie primitiv, menschenfeindlich, Propaganda, Ideologie, Schwurbeln, Bullshit, Ausgrenzung, Abwertung, transfeindlich, Hetzkampagne, schmutziges Spiel. Das sind sehr starke Wertungen, die starke Belege erfordern, die jedoch fehlen.

Den Gehalt und die Intention der Feststellung, dass es eine reproduktive Zweigeschlechtlichkeit gibt, bewertet Hümmler als “Bullshit”, wobei er sich auf Harry Frankfurt40 bezieht. Bullshit bedeutet inhaltlich leeres, prätentiöses Gerede und lässt sich am treffendsten mit der Vokabel “Hohlsprech” übersetzen. Wesentlich für den Begriffsinhalt ist nach Frankfurt aber noch ein völliges Desinteresse an der Wahrheit.41 Es wird irgend etwas geäußert, das gerade opportun erscheint.

Diese Einschätzung Hümmlers scheint kaum allgemein gültig zu sein. Es ist wenig plausibel, dass etwa die Philosophin Kathleen Stock oder die Biologin Carole Hooven tatsächlich an der Wahrheit desinteressiert waren, als sie ihre Bücher42 verfassten und sich zum biologischen Geschlecht äußerten. Im Übrigen war ihre Haltung zur Biologie auch nicht beruflich opportun, denn sie mussten beide ihre Universität verlassen.43

Bei der Frage “Wie viele Geschlechter gibt es?” verweist Hümmler mit dem lapidaren Kommentar “Die Fragestellung kann einem bekannt vorkommen” auf den Artikel von Mechthild Bereswill und Gudrun Ehlert mit dem Titel “Kleine Anfragen der AfD als Instrument wissenschaftsfeindlicher Angriffe auf die Geschlechterforschung”. Das entspricht dem bekannten rhetorischen Manöver der Kontaktschuld,44 welches abgelehnte Aussagen desavouiert, ohne dass es zu einer inhaltlichen Betrachtung kommt.

Mit dem gleichen Verfahren framt Hümmler en passant auch noch einen Wissenschaftler, der sich von einer ehemaligen RT-Moderatorin hat interviewen lassen.45 Hümmler unterstellt dabei kontrafaktisch, dass sich der Wissenschaftler gegen “Rücksichtnahme auf Minderheiten” ausspreche, obwohl die eigentliche These ist, dass eine Opferidentität den Betroffenen psychologisch nicht guttut.

Einschub - Der falsche Weg zur Wahrheit

P bezeichne eine Person und O eine Organisation. Folgendes ist ein Fehlschluss:

  • Prämisse: P oder O vertreten Feststellungen X, die unbelegt sind und gegen deren Gültigkeit schwerwiegende Einwände existieren.
  • Prämisse: P oder O behaupten, dass die Tatsachenaussage Y gilt.
  • Konklusion: Y trifft nicht zu.

Dies ist ebenfalls ein Fehlschluss:

  • Prämisse: P oder O vertreten politische Standpunkte, die als rückständig angesehen werden.
  • Prämisse: P oder O behaupten, dass die Tatsachenaussage Y gilt.
  • Prämisse: P oder O instrumentalisieren Y für ihre politische Zwecke.
  • Konklusion: Y trifft nicht zu.

Diese einfachen Wege zur Wahrheit funktionieren nicht. Es folgt jeweils nur, dass Y sorgfältig zu prüfen ist. Das heißt, dass es nicht ausreicht, bei der Validitätsprüfung einer Aussage lediglich auf eine Quelle zu verweisen und den Inhalt der Aussage außer Acht zu lassen. Das gilt insbesondere dann, wenn sich eine Aussage auch unabhängig von der Quelle prüfen lässt.

Hümmler - Der unscharfe biologische Geschlechtsbegriff: Linguistische Analysen

Mehrfach versichert Hümmler, dass der Bedeutungsgehalt des biologischen Geschlechtsbegriffs mehrdeutig, kontextabhängig oder gar unbestimmt ist:

  1. “Für einige Forschungsfragen ist das sicherlich eine hinreichende Definition – wenn man ein Geschlecht ganzer, mehrzelliger Organismen angeben will, ist es das aber nicht.”
  2. “Selbstverständlich kann es in der Biologie für bestimmte Fragestellungen sinnvoll sein, Geschlecht binär zu definieren.”
  3. “weil er sich darin Geschlecht so definiert, wie es auf seine Forschungsfrage passt.”
  4. “Natürlich kann man von männlichen oder weiblichen Individuen sprechen, aber dann muss man sich halt im Klaren sein, dass man höchst mit einem höchst unscharfen Begriff operiert, bei dem man je nach Forschungsfrage nicht zu einheitlichen Zuordnungen kommen wird.”
  5. “Wenn sich jemand das in seinem Forschungsthema so definiert, weil es zu seiner Forschungsfrage passt, ist das natürlich völlig in Ordnung. Andere Forscher haben andere Forschungsfragen, für die andere Definitionen passender sind”

Hier ist ein linguistischer Aspekt relevant. Es stellt sich die Frage, welche Bedeutung den Geschlechterbegriffen ‘männlich’ und ‘weiblich’ in der Evolutionsbiologie zukommt. In seiner 2025 erschienenen Monografie46 analysiert der Biologe und Philosoph Tomás Bogardus47 auf 170 Seiten alle gängigen Konzeptionen des Begriffs des biologischen Geschlechts. Bogardus untersucht unter anderem auch die von Hümmler unterstützten Mehrdeutigkeits-, Kontextabhängigkeits- und Unbestimmtheitshypothesen, die er als “The Complex View”48 subsummiert. Die zahlreichen dort ausgeführten Fallunterscheidungen lassen sich wegen ihres Umfangs hier nicht nachzeichnen.

Mehrdeutigkeitshypothese

Die Ambiguitätshypothese besagt, dass die Begriffe “Geschlecht”, “männlich” und “weiblich” mehrere Bedeutungen haben. Beispiele hierfür sind das chromosomale, das hormonelle und das äußere morphologische Geschlecht. Aufgrund dieser Mehrdeutigkeit kann eine Person somit hormonell männlich und chromosomal weiblich sein oder auch gonadal männlich und im sozialen Geschlecht weiblich.

Linguistische Tests auf echte Mehrdeutigkeit werden jedoch nicht bestanden. Die Aussage “Joe ist männlich und nicht männlich”, müsste sich problemlos interpretieren lassen, wenn “männlich” verschiedene biologische Bedeutungen haben kann. Das Gleiche gilt für “Joe ist männlich. Ebenso ist Joe männlich.” Wie die Aussage “Die Farben und die Federn sind leicht” sollte auch diese Aussage befremdlich klingen: “Der Hahn, der die für Hähne typischen Geschlechtschromosomen besitzt, und das Krokodil, das überhaupt keine Geschlechtschromosomen hat, sind männlich.” Das ist aber nicht der Fall. Das spricht alles dafür, dass die Begriffe doch nicht mehrdeutig sind.

Ohne einen grundlegenden Begriff für “männlich” ergibt die wörtliche Auslegung von “Joe ist hormonell männlich und sozial männlich” keinen Sinn. Pragmatisch lässt sich der Satz jedoch als “Joe weist Hormonspiegel auf, die für männliche Vertreter dieser Spezies typisch sind, und nimmt zudem eine soziale Rolle ein, die für Männchen dieser Spezies typisch ist” verstehen. “Hormonell oder sozial männlich zu sein” wird teilweise dadurch definiert, “männlich” zu sein. Es scheint, als sei “männlich” in diesen Fällen nicht mehrdeutig, sondern eindeutig, um mehrere geschlechtsbezogene Merkmale zu beschreiben.

Kontextualismushypothese

Die kontextualistische Hypothese legt nahe, dass der zugrunde gelegte Geschlechtsbegriff vom jeweiligen Forschungskontext abhängt.

Das kann bedeuten, dass in verschiedenen Forschungsvorhaben unterschiedliche geschlechtsassoziierte Variablen in den Fokus rücken. Wenn es heißt, dass eine Person “hormonell weiblich” sei, dann ist dies aber nur eine verkürzte Art zu sagen, dass diese Person die Hormonspiegel aufweist, die für Menschen typisch sind, die tatsächlich weiblich sind. Auch wenn verschiedene Studien das Geschlecht auf unterschiedliche Weise operationalisieren, muss “Geschlecht” dennoch eine gemeinsame Bedeutung, einen gemeinsamen Referenten haben, damit sich diese Studien auf dasselbe beziehen.

Wenn es kein Geschlecht als solches gibt und sich die Bedeutung von “Geschlecht” überhaupt erst durch den Beobachtungsrahmen konstituiert, entspricht dies einer Ergänzung der Mehrdeutigkeitshypothese, sodass die dortigen Gegenargumente greifen. Was aber war mit dem Geschlecht, bevor es Beobachtungsrahmen gab?

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass es eine grundlegende Kernbedeutung von “weiblich” und “männlich” gibt, die im Hintergrund wirkt und eine Vielzahl anderer Bedeutungen in verschiedenen Forschungskontexten C durch folgende Bedingung erzeugt: Ein Organismus ist in einem Kontext C weiblich oder männlich, genau dann, wenn er den meisten Weibchen oder Männchen dieser Organismusart in relevanter Hinsicht (gemäß den in C geltenden Maßstäben) ähnelt. Relevante Ähnlichkeiten lassen sich dann anhand von Geschlechtschromosomen, Hormonspiegeln oder Gameten operationalisieren. Dies erzeugt jedoch Widersprüche. Wenn im genetischen Kontext geforscht wird, ist zwar ein Hahn H männlich, aber die Aussage “Das Krokodil K ist männlich” ist falsch, da Krokodile überhaupt keine geschlechtsbestimmenden Chromosomen haben. Wenn es bei der Forschung um externe Genitalien geht, kann wiederum gelten “H ist nicht männlich und K ist männlich”, da Hähne keine äußeren Genitalien haben, Krokodile aber schon.

Schließlich kann die Aussage “K ist nicht männlich” bedeuten, dass nicht das Geschlecht von K beschrieben wird, sondern dessen Fehlen von Geschlechtschromosomen. Der Satz ist zwar wörtlich falsch, transportiert aber pragmatisch einen zutreffenden Inhalt. Da es jedoch grundlegende Bedeutungen von “männlich”, “weiblich” oder “Geschlecht” in Bezug auf Organismen gibt, die pragmatisch aus den wörtlich falschen Aussagen vermittelt werden, sind das auch die Bedeutungen, die in den Aussagen zum Ausdruck kommen. Und darin ist der Begriff “männlich” wieder eindeutig.

Unbestimmtheitshypothese

Die Unbestimmtheitshypothese besagt, dass die Referenz unserer Geschlechtsbegriffe unbestimmt ist, da es keinen am besten geeigneten Kandidaten für das gibt, worauf sie sich beziehen. Geschlecht sei vielfältig und facettenreich und beschreibe eine Vielzahl von Phänomenen. Ein “richtiges Verständnis von Geschlecht” gebe es nicht und Versuche, dies zu erreichen, seien eine aussichtslose typologische Suche nach einem Phantom.

Biologen verwenden diese Begriffe jedoch konsistent über Arten hinweg und weisen damit auf den am besten geeigneten Kandidaten für die Referenten unserer Geschlechtsbegriffe hin.

Rifkin und Garson49 folmulieren es so: Sofern man der Ansicht ist, dass die Biologie eine besondere Autorität bei der Gestaltung unserer Geschlechtsontologie besitzt - beispielsweise, dass die Art und Weise, wie Biologen über das Geschlecht sprechen und denken, unser Verständnis davon prägen sollte, was tierisches Geschlecht ausmacht -, dann scheint die Anisogamie der richtige Ausgangspunkt zu sein.50

Interessanterweise lehnen auch Transaktivisten jegliche Mehrdeutigkeit, Kontextabhängigkeit oder Unbestimmtheit ab. Die Philosophin Kate Manne schreibt dazu: “I believe that trans women, being women in every sense of the term, are subject to misogyny, as well as transmisogyny, specifically.”51 Die genannten semantischen Konzepte, auf die Hümmler anzuspielen scheint, helfen daher noch nicht einmal, sich diesem Aktivismus anzunähern.

Einschub - Parallelen des Sozialkonstruktivismus zum Lyssenkoismus

Bei der Durchsetzung neuer Geschlechtsparadigmen gibt es bei allen Unterschieden dennoch eine Strukturähnlichkeit zum Lyssenkoismus der 1930er Jahre in der Sowjetunion. Lyssenko lehnte unter Stalin die klassische Genetik ab. Er behauptete im Sinne eines Neo-Lamarckismus, dass erworbene Eigenschaften direkt vererbt werden könnten. Heute wird behauptet, das biologische Geschlecht (Sexus) sei ein rein soziales oder mentales Konstrukt oder ein Spektrum ohne binäre Basis (Gameten). Lyssenko glaubte an die unbegrenzte Formbarkeit der Natur durch die Umwelt. Radikaler Sozialkonstruktivismus sieht den menschlichen Körper oft als “unbeschriebenes Blatt”, dessen Unterschiede fast ausschließlich durch Sozialisation entstünden.

Beiden gemeinsam ist der Versuch, die Natur einer Ideologie unterzuordnen, anstatt die Ideologie an der Natur zu prüfen:

  • Dogma vor Empirik: Forschung wird nicht ergebnisoffen betrieben, sondern muss ein vordefiniertes politisches oder moralisches Ziel stützen (damals der “neue sowjetische Mensch”, heute oft die “totale Dekonstruktion von Machtstrukturen”). Biologische Fakten werden nicht als objektive Realität, sondern als “bürgerliche” oder “patriarchale” Konstrukte diskreditiert, die dazu dienen, Unterdrückung zu legitimieren.
  • Cancel Culture vs. Ausschalten der Kritik am Lamarckismus: Kritik wird unterdrückt, auch wenn die Konsequenzen heute sozialer und beruflicher Natur sind statt physischer Gewalt. Kritiker der Vererbung erworbener Eigenschaften wurden entlassen oder verhaftet. Wissenschaftler, die an der Fortpflanzungsbiologie festhalten, verlieren Herausgeberposten, Vorlesungen werden verhindert oder eine öffentliche Brandmarkung erfolgt. Kritik an Lyssenko galt als “Sabotage am Sozialismus”. Kritik an konstruktivistischen Thesen wird als “transphob”, “essentialistisch” oder “Hassrede” geframt. Die Forschung in der Sowjetunion publizierte nur noch Ergebnisse, die ins Parteilinienschema passten. Heute gilt es, kontroverse Themen (wie etwa Geschlechterunterschiede) zu meiden, um die Karriere nicht zu gefährden.
  • Erosion der wissenschaftlichen Methodik: Im Lyssenkoismus wurde die Genetik als “Metaphysik” verspottet. Heute wird biologische Binärität oft als “koloniales Erbe” oder “vereinfachte Schulbiologie” abgetan. In beiden Fällen wird ein komplexes, aber im Kern korrektes wissenschaftliches Modell durch ein ideologisch attraktiveres, aber empirisch schwächeres Modell ersetzt oder zumindest so stark unter Druck gesetzt, dass keine offene Debatte mehr möglich ist.

Hümmler - Antworten auf seine Fragen

Hümmler: “Warum will jemand wissen, ob Geschlecht in der Biologie binär ist?”
Kurzantwort: Aus Erkenntnisinteresse.

Ausführlicher: Zur Conditio humana (Bedingung des Menschseins) gehören neben Bewusstsein und Kultur auch biologische Grundgegebenheiten. Die Fähigkeit zum bewussten Denken und zur Selbstreflexion führt zur Frage nach unserer Herkunft. Biologisch betrachtet sind wir Säugetiere, die sich im Verlauf einer Jahrmillionen dauernden Evolution entwickelt haben. Vor etwa sechs bis acht Millionen Jahren trennten sich die Entwicklungslinien von Mensch und Schimpanse in Afrika. Die Weitergabe des Lebens über zwei biologische Geschlechter (Anisogamie) sowie die jahrelange Abhängigkeit des menschlichen Nachwuchses (Nestbocker-Natur) lassen sich als fundamentale Bedingungen unserer biologischen Existenz auffassen. Ob diese Bedingungen unserer Existenz tatsächlich gelten, darf kritisiert werden. Wissenschaftliche Aussagen müssen ihrer Kritik widerstehen.

Hümmler: “Darf jemand nicht zur Vermehrung von Schnecken forschen, weil die nicht binär sind?”
Kurzantwort: Schneckenforschung ist nicht verboten. Der angegebene logische oder moralische Grund dafür ist jedoch irrelevant.

Ausführlicher: Die Frage nach einer Norm (des Verbots) wird syntaktisch an die Bedingung einer Tatsachenaussage gekoppelt. Da der Gegenstand des Verbots abwegig erscheint, handelt es sich um eine rhetorische Frage. Die Biologie untersucht selbstverständlich alle Arten der biologischen Fortpflanzung, die sie empirisch findet. Es ist keine Norm bekannt, die die Erforschung bekannter oder noch unbekannter Fortpflanzungsmechanismen generell verböte.

Da Schnecken Zwitter sind, haben sie beide Geschlechter und können somit beide Arten von Keimzellen produzieren. Sie bilden daher keine Art, die außerhalb der binären, anisogamen Reproduktionsweise liegt, was die Frage jedoch nahelegt. In der Klasse der Säugetiere, zu der Homo sapiens gehört, sind allerdings keine funktionalen Zwitter bekannt.

Hümmler: “Darf jemand in der Genetik nicht mit väterlicher und mütterlicher Linie modellieren, weil Geschlecht auf der Ebene von Einzelorganismen viel komplexer ist?”
Kurzantwort: Es sind keine normativen Beschränkungen bei der Art der genetischen Modellierung bekannt. Entscheidend ist, ob eine Modellierung empirisch adäquat ist.

Ausführlicher: In der Frage arbeitet Hümmler mit den Begriffen väterlich und mütterlich, die von den Substantiven Vater und Mutter abgeleitet sind. Letztere beziehen sich laut Duden52 üblicherweise auf Organismen und nicht auf Keimzellen. An anderer Stelle53 entkoppelt Hümmler die Begriffe Vater und Mutter jedoch vollständig von den Begriffen Mann und Frau. Da Hümmler in der Frage ganz allgemein von “Einzelorganismen” und nicht nur von Menschen spricht, müsste diese Entkopplung auch für andere Spezies gelten, so dass die Vokabeln Männchen und Weibchen dort ebenfalls ihren reproduktionsbiologischen semantischen Gehalt verlieren. Was Hümmler mit ‘väterlich’ und ‘mütterlich’ überhaupt meint, lässt sich aus seinem Text daher nicht herausanalysieren.

Erneut wird nach der Norm des Dürfens und nicht nach empirischer Adäquatheit gefragt, wie es eigentlich sein sollte. Die rhetorische Frage soll offenbar nahelegen, dass die genetische Forschung bei ihrer Modellierung frei sei, zwei Abstammungslinien zu verwenden, obwohl der binäre Geschlechtsbegriff aufgrund der Komplexität von Organismen eigentlich unangemessen sei. Dass anisogame Fortpflanzungsfunktionen von Organismen komplex sind, bedeutet jedoch nicht, dass es mehr als zwei gibt.

Hümmler - Das biologische Geschlecht bei Normenfragen niemals berücksichtigen?

Hümmler stellt die starke These auf, dass jede Berücksichtigung des biologischen Geschlechts bei gesellschaftlichen Fragen im “Dienst einer menschenfeindlichen Ideologie” stünde.54 Zwar lassen sich aus dem biologischen Geschlecht keine Normen ableiten, andererseits lässt es sich aber auch nicht begründen, dass das Geschlecht bei Normenfragen niemals mit in Betracht gezogen werden darf.

Der Autor echauffiert sich über “eine beispiellose Hetzkampagne gegen die [..] Boxerin Imane Khelif”. Boxen ist jedoch eine potenziell gesundheitsgefährdende Sportart, insbesondere wenn sehr unterschiedliche Personen gegeneinander antreten. Deswegen gibt es die Einteilung in Gewichts- und Altersklassen sowie nach Geschlecht. Bei Frauen existiert sogar eine feinere Abstufung im unteren Gewichtsbereich, um die Sicherheit zu erhöhen. Männer haben im Mittel eine deutlich stärkere Armmuskulatur. Einige Menschen mit dem männlichen Chromosomensatz werden jedoch mit einem sehr seltenen Enzymdefekt geboren, sodass sich ihre Genitalien nicht wie üblich entwickeln. Sie werden als Mädchen aufgezogen, durchlaufen jedoch eine männliche Pubertät mit der typischen Zunahme an Muskelmasse. Das scheint bei Imane Khelif der Fall zu sein.55 Der Kampf gegen die Boxerin Angela Carini war bereits nach 46 Sekunden zu Ende. Carini meinte, sie sei noch nie so hart geschlagen worden, was für eine bedeutende physische Überlegenheit von Khelif spricht .56

In derartigen Fällen gilt es demnach, den Gesundheitsschutz beim Frauenboxen und die Rechte von Personen mit abweichender Geschlechtsentwicklung gegeneinander abzuwägen. Dabei sind biologische Gegebenheiten zwar relevant, doch trifft nicht die Biologie diese Güterabwägung, sondern es handelt sich um einen wertegeleiteten gesellschaftlichen Aushandlungsprozess. Es ist jedoch nicht ersichtlich, wie bessere Entscheidungen dadurch entstehen sollten, dass relevante Fakten ausgeblendet werden.

Dass es bei den Säugetieren zwei Geschlechter gibt, ist nicht “einfach nur eine Definition”, wie Hümmler an einer Stelle anmerkt57, sondern eine biologische Tatsachenaussage, die empirisch prüfbar ist. Um Tatsachenaussagen verständlich zu machen, sind Definitionen, Begriffserläuterungen oder Explikationen erforderlich. Mit semantisch leeren Vokabeln allein lässt sich nichts über die Welt aussagen.

Einschub - Identitäres versus universalistisches Denken

Während der Universalismus allen Menschen dieselben Rechte, Würde und kognitiven Fähigkeiten zuspricht, lehnen sowohl links- als auch rechts-identitäres Denken diesen ab - allerdings aus gegensätzlichen Motiven:

  • Das links-identitäre Denken (Partikularismus der Verwundbarkeit) kritisiert den Universalismus als Illusion oder Machtinstrument, das eurozentrische und weiße Privilegien maskiere. Erkenntnis wird als standpunktabhängig (Standpoint Epistemology) begriffen. Ziel ist es, Minderheiten zu schützen und unsichtbare Machtstrukturen aufzubrechen.
  • Das rechts-identitäre Denken (Ethnopluralismus / Essentialismus) lehnt den Universalismus fundamental ab, da er historisch gewachsene Kulturen zerstöre und nivelliere. Der Mensch wird als rein ethnokulturell determiniert betrachtet. Ziel ist der Erhalt von Identitäten durch strikte kulturelle Segregation.

Die moderne Wissenschaft basiert im Kern auf dem epistemischen Universalismus (Mertons CUDOS-Normen).58 Darin gibt es drei fundamentale Prinzipien:

  1. Unabhängigkeit von der Person: Die Gültigkeit einer wissenschaftlichen Behauptung hängt ausschließlich von objektiven Kriterien (Logik, Empirie, Replizierbarkeit) ab. Identitätsmerkmale wie Herkunft oder Geschlecht der Forschenden dürfen für das Ergebnis keine Rolle spielen.
  2. Schutz vor radikalem Relativismus: Ohne Universalismus verkommt Erkenntnis zu einer subjektiven “Gruppenwahrheit”. Wenn Argumente durch den Sprecherstatus immunisiert (links) oder für nationale Interessen instrumentalisiert werden (rechts), mutiert Wissenschaft zur reinen Ideologie.
  3. Globale Kooperation: Wissenschaft ist ein grenzüberschreitendes, kumulatives Projekt der Menschheit. Ein universalistisches Fundament sichert, dass Daten weltweit unabhängig von kulturellen oder identitären Barrieren validiert und kritisiert werden können.

Während Identitäten ein legitimer Forschungsgegenstand sind, muss die Wissenschaft als Methode radikal universalistisch bleiben, um ihre Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit zu sichern.

Hümmler - Ergebnisoffener wissenschaftlicher Diskurs immer möglich?

Mit der Bemerkung “Es wird auch niemand seine Doktorarbeit schlechter bewertet bekommen, weil er sich darin Geschlecht so definiert, wie es auf seine Forschungsfrage passt” postuliert Hümmler indirekt, dass an den biologischen Fakultäten der Universitäten generell Forschungsfreiheit herrsche und ein ergebnisoffener Diskurs immer möglich sei.

Dazu gibt es jedoch kontrafaktische Evidenz, wie wir bereits am Beispiel der Biologin Carole Hooven gesehen haben. Ein aktuelles Beispiel ist der Biologe Ace North, der fast 15 Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Biologie der Universität Oxford tätig war. Als Biologe hielt North die Behauptung, dass Sexus ein Spektrum sei, für wissenschaftlich irreführend und im akademischen Umfeld der Biologie für unangemessen - zumal sie so präsentiert wurde, dass sie zu kritischen Fragen abschreckte. Kritische Einwände wurden nicht inhaltlich diskutiert, sondern einfach als “hasserfüllt” abgetan.59 Der Erfahrungsbericht von Till Randolf Amelung zeigt sehr deutlich, dass selbst Transpersonen an einer Universität heftig angegriffen werden, wenn sie sich nicht von der Biologie distanzieren.60

Mit dem im Jahr 2025 von Lawrence Krauss herausgegebenem Sammelband “The War on Science - Thirty-Nine Renowned Scientists and Scholars Speak Out About Current Threats to Free Speech, Open Inquiry, and the Scientific Process” liegt eine umfangreiche Dokumentation vor, wie politaktivistische Strömungen den akademischen Diskurs verengen.61 In einem Artikel für das Magazin Skeptical Inquirer stellen die Biologen Jerry Coyne und Luana Maroja diese ideologischen Tendenzen speziell am Beispiel des Faches Biologie dar.62

Fazit

Holm Hümmler überzeugt, wenn er Fehlvorstellungen in der Physik aufdeckt. Seine Argumentation im Bereich der Biologie ist jedoch unhaltbar. Bei Säugetieren gibt es genau zwei Geschlechter. Die Behauptung, dies impliziere gesellschaftliche Normen, ist ein Strohmannargument. Das biologische Geschlecht impliziert lediglich Fakten wie etwa die Tatsache, dass nur Frauen gebären und stillen können. Das ist jedoch keine sozial konstruierte Norm.

Hümmlers Vorwurf, Tatsachen würden mit Normen verknüpft, entspricht dem Vorwurf eines naturalistischen Fehlschlusses. In Bezug auf die Biologie ist das jedoch ein Strohmannargument. Dass politische Akteure generell dazu neigen, Tatsachen zu instrumentalisieren, lässt letztere nicht verschwinden. Umgekehrt erweckt die Rhetorik Hümmlers den Eindruck eines moralistischen Fehlschlusses, demzufolge sich Tatsachen moralischen Setzungen beugen müssten. Dies erinnert an die Tugendsignalisierung nach Philipp Hübl63 oder das Glaubensbekenntnis nach John McWorther64. Es entspricht Handlungen, um die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe zu demonstrieren.

Was Hümmlers Definitionsargument angeht, so lassen sich zwar Begriffe beliebig definieren, jedoch ist nicht jeder Begriff wissenschaftlich brauchbar. Begriffe, deren empirischer Gehalt ausschließlich aus einem Sprechakt besteht, sind realwissenschaftlich unbrauchbar. So muss das evolutiv entstandene biologische Geschlecht vom gesetzlichen Personenstand unterschieden werden. Letzterer ist eine reine Rechtsfiktion65, bei der es nicht um eine Beschreibung der Realität, sondern um eine juristische Festlegung geht. Rechtliche Grundsätze lassen sich gesellschaftlich aushandeln, die Fortpflanzungsbiologie jedoch nicht. Homo sapiens kann seine Säugetiernatur nicht einfach per Beschluss abstreifen, sondern muss bis auf weiteres damit auskommen.

Wenn der Begriff ‘Geschlecht’ verschwindet, gibt es auch keine Geschlechtsdysphorie mehr, die ggf. durch gravierende körperliche Eingriffe behandelt wird. Um sich mit etwas identifizieren zu können, muss es auch etwas geben, mit dem man sich identifizieren kann. Eine geschlechtsadäquate Medizin ist auch nur möglich, wenn es Geschlechter gibt. Sozialwissenschaften, die geschlechtsabhängige Einflüsse untersuchen, bleiben ohne einen Geschlechtsbegriff unverständlich. Verschiedene Studien sind nicht miteinander vergleichbar, wenn nicht der gleiche Geschlechtsbegriff verwendet wird. Vage Begriffe sind auch in den Sozialwissenschaften keine Tugend, wenn damit etwas ausgesagt werden soll.

Abschließend sollen die Unterschiede zwischen den Ansätzen von Graf (GWUP) und Hümmler (Skeptix) aufgelistet werden.

  • Realismus versus Moralismus: Graf legt dar, dass die anisogame Fortpflanzung eine Tatsache ist, aus der sich der Geschlechtsbegriff für Organismen ableitet. Hümmler lehnt diesen Geschlechtsbegriff aus moralistischen Gründen ab, was sich an den stark wertenden Begriffen deutlich zeigt.
  • Evolution versus Sozialkonstruktion: Graf beschreibt Geschlecht als evolutionär entstanden, lange bevor es Menschen gab. Für Hümmler sind die Geschlechtsbezeichnungen Frau und Mann ein “Ergebnis gesellschaftlicher Normierung”.
  • Deutlichkeit versus Vagheit: Graf legt Wert auf klare Begriffserläuterungen. Hümmler bleibt vage.
  • Sachkritik versus Kontaktschuld: Graf argumentiert auf der Sachebene. Hümmler hingegen bemüht Fehlargumente wie die Kontaktschuld.
  • Strukturierte Argumentation versus unlogische Schlussfolgerungen: Graf legt einen gut strukturierten Artikel vor, der sich am Sachthema orientiert. Hümmler arbeitet hingegen mit unpassenden Analogien, Strohmännern und Non Sequiturs. Da Hümmler an anderer Stelle - etwa in seinem neben dem Artikel eingeblendeten Buch “Faktenimmun” - absolut zu stringentem Argumentieren fähig ist, legt dies nahe, dass es sich bei seinem Text nicht um einen wissenschaftlichen Beitrag, sondern vielmehr um ein politisches Bekenntnis handelt.
  • Universalismus versus identitätspolitische Nähe: Graf positioniert sich deutlich innerhalb einer universalistisch ausgerichteten Wissenschaft. Bei Hümmler zeigt sich eine Nähe zu neolinker Identitätspolitik.

Es ist festzustellen, dass unversöhnlichen Positionen aufeinandertreffen. Die Evolutionstheorie wird inzwischen nicht mehr nur von religiöser Seite kritisiert, sondern auch von sich als progressiv verstehenden Kreisen mit einem anderen Ansatz attackiert. Dieses Spannungsfeld besteht zwischen einer neolinken Identitätspolitik (Erkenntnis als subjektive Gruppenwahrheit) und dem Universalismus (Erkenntnis als objektive, personunabhängige Wahrheit). Für die Realwissenschaften - und eine rational agierende Skeptikerbewegung - bleibt das Festhalten an universellen, deskriptiven Standards und der strikten Trennung von biologischen Fakten und gesellschaftlichen Werten überlebenswichtig, um nicht zum bloßen Erfüllungsgehilfen politischer Ideologien zu degradieren.

Fußnoten


  1. Johannes C. Zeller: “The German Dilemma Continues: Skepticism in the Face of Ideological Conflict”, 25 April 2024, skepticalinquirer.org.
    Nikil Mukerji: “Agenda-Skeptizismus: Wie Cancel Culture Pseudowissenschaften vor Kritik schützt - und was das mit Wissenschaftsfreiheit zu tun hat”, Jahrbuch Wissenschaftsfreiheit 3(1), 2026, S.267-295, Online-Publikation 12.5.2026, doi.org, netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de vom 10.7.2026.
    Zeller liefert einen journalistische Analyse aus einer externen Sicht, während Mukerji die Ereignisse aus einer Insiderperspektive schildert und analysiert.↩︎

  2. Die Artikel “Dogma und Kritik”, “Skepsis und Wissenschaft”, sowie “Skeptische Kernprinzipien” bieten auf dieser Website weitere Gedanken zum Skepsisbegriff in der Wissenschaft.↩︎

  3. Holm Hümmler auf der Who-is-who-Seite von skeptix.org, archive.org.↩︎

  4. Siehe die ausführliche Analyse dieses Interviews auf scientifictemper.org.↩︎

  5. Holm Hümmler: “Die zwei Geschlechter und die Logik des Quantenquarks”, 5.9.2024, quantenquark.com, archive.org gesichert am 30.12.2025, archive.ph gesichert am 20.11.2025↩︎

  6. Dittmar Graf: “Geschlecht - Die neuen Irrungen und Wirrungen um einen altbewährten Begriff”, Skeptiker 3/2025, 104-114, gwup.org, archive.org gesichert am 23.1.2026.↩︎

  7. “Can biological men get pregnant?”, scientifictemper.org.↩︎

  8. “Biologists correct misinformation about biological sex”, uoaseen.nz, archive.org, archive.ph.
    Vollversion als PDF, uoaseen.nz, archive.org, archive.ph.↩︎

  9. Holm Hümmler: “Relativer Quantenquark: Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?”, Springer, 2017, 248 Seiten.↩︎

  10. Michael Springer: “Quantensprünge gegen Rückenleiden”, Buchkritik zu “Relativer Quantenquark”, 31.10.2017, spektrum.de.↩︎

  11. Holm Hümmler (2024): “Vom schwer verständlichen zum schwer Verdaulichen”, Schaubild, quantenquark.com, archive.org.↩︎

  12. Hümmler (2024): “Wer allerdings diese weitgehend willkürliche Definition benutzt […] Ob die betreffenden Personen das jeweils aus Überzeugung oder aus Dämlichkeit tun, mag ich nicht im Einzelfall beurteilen. Muss ich auch nicht.”↩︎

  13. Hümmler (2024): “Bei der Argumentation der ‘nur zwei Geschlechter’-Ideologie lautet die entsprechende wahre Aussage: ‘Bei der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung gibt es genau zwei Geschlechter von Fortpflanzungszellen.’ Ja, diese Aussage ist genau so banal und beinahe tautologisch, wie sie klingt. Es geht dabei nicht um Menschen. Es geht überhaupt nicht um ganze Organismen. Es geht ausschließlich um Fortpflanzungszellen.”↩︎

  14. Hümmler (2024): “Dieser Zwischenschritt ist entscheidend für das Funktionieren der ganzen Scheinargumentation. Man verschiebt die Torpfosten und erweitert den wahrgenommenen Inhalt der Aussage, bleibt dabei aber noch so vage, dass man sich bei fundierter Kritik problemlos auf sicheres Terrain zurückziehen kann. […] Die analoge Behauptung aus der Geschlechterdebatte ist, in der Biologie gäbe es genau zwei Geschlechter. Das ist noch spezifisch genug, um es oberflächlich von Fragen des sozialen Geschlechts abzugrenzen, dem man damit noch eine, wenngleich gegenüber der Biologie als ‘echter Wissenschaft’ minderwertige, Existenzberechtigung zuspricht.”↩︎

  15. Hümmler (2024): “Bei den selbsternannten Rettern der Biologie fällt an dieser Stelle einfach unter den Tisch, dass es ja eigentlich nur um die Biologie ging, und aus der Ursprungsthese wird einfach: ‘Es gibt nur zwei Geschlechter!’ Dabei handelt es sich dann auch weder um eine Definition noch um eine vermeintliche wissenschaftliche Erkenntnis, sondern um die Forderung nach einer gesellschaftlichen Norm. Viele Leute, die vorgeben, für die Integrität der Biologie einzutreten, nutzen diesen Satz, um Menschen auszugrenzen und abzuwerten, die von ihrem Verhalten, ihren Bedürfnissen oder ihren körperlichen Voraussetzungen nicht dieser gewünschten Norm entsprechen. Die Wächter dieser Norm präsentieren Kiwi-Emojis (weil es zwei Geschlechter von Kiwipflanzen gibt) sowie diverse andere transfeindliche Codes in ihren Social-Media-Profilen und bezeichnen nach Belieben öffentlich Frauen, die nicht ihren Vorstellungen entsprechen, als Männer.”↩︎

  16. Manfred Feodor Körkel: “Elimination des biologischen Geschlechts?”, scientifictemper.org.↩︎

  17. Der Begriff ‘Funktion’ wird im Sinne einer möglichen inneren oder äußeren Aktivität eines Organismus bzw. seiner Untereinheiten verstanden. Organismen und ihre Organe gehen ihrer Funktion ontologisch voraus, da ohne sie keine Funktion realisiert werden kann. Eine ‘Funktion haben’ lässt sich als dispositionale Eigenschaft eines Organismus oder eines Organs ausdrücken, das heißt als die unter gewissen Bedingungen vorhandene Fähigkeit zu einer inneren oder äußeren Aktivität.

    Genetische Mutationen können neue Eigenschaften von Organismen erzeugen. Wird eine bestimmte Funktion durch Anpassungsdruck selektiert, so lässt sich das durch einen ätiologischen (ursächlichen) oder evolutionären Funktionsbegriff ausdrücken. In evolutionären Modellen erwies sich die getrenntgeschlechtliche Reproduktion (Gonochorie) bei starker sexueller Selektion, hohen Inzuchtkosten und hohen Fitnessgewinnen bei Spezialisierung als stabil. Das spricht für einen Anpassungscharakter der Gonochorie.

    Die Metapher ‘Ausrichtung eines Organismus auf eine Funktion’ schließt ein, dass eine Funktion auch gestört, deaktiviert oder noch nicht voll entwickelt sein kann. Eine ‘gestörte oder deaktivierte Funktion’ bedeutet, dass die entsprechenden Organe zwar vorhanden sind, bestimmte Konfigurationen des Organismus jedoch deren Funktion verhindern. Eine ‘noch nicht voll entwickelte Funktion’ drückt aus, dass die organismischen Voraussetzungen für die Funktion noch fehlen, im Organismus jedoch Prozesse stattfinden, die darauf ausgerichtet sind, dass die körperlichen Erfordernisse zur Ausführung der Funktion entstehen.

    Siehe auch Martin Mahner und Mario Bunge: “Philosophische Grundlagen der Biologie”, Springer, 2000, S.148ff.↩︎

  18. Hümmler (2024): “Es gibt auch jede Menge Organismen solcher Arten, die gar keine Fortpflanzungszellen produzieren – am bekanntesten sicherlich die ‘Arbeiterinnen’ bei der Honigbiene.”↩︎

  19. Hümmler (2024): “Es geht dabei nicht um Menschen. Es geht überhaupt nicht um ganze Organismen. Es geht ausschließlich um Fortpflanzungszellen.”↩︎

  20. Hümmler (2024): “eine Zuordnung zu einem von genau zwei Geschlechtern [ist] letztlich immer eine Übervereinfachung mit zwangsläufigen Ungenauigkeiten. Auch ein Mensch hat niemals ausschließlich männliche oder ausschließlich weibliche ‘Geschlechtsmerkmale’ – und das ist natürlich ein Bestandteil (und auch ein Forschungsfeld) der Biologie.”↩︎

  21. Hümmler (2024): Dass “in einigen Feldern der Biologie ausschließlich das Geschlecht von Fortpflanzungszellen gemeint ist, ist nicht eine wissenschaftliche Erkenntnis (also ein Ergebnis von Wissenschaft), sondern schlicht eine Definition.”↩︎

  22. Hümmler (2024): “Für einige Forschungsfragen ist das sicherlich eine hinreichende Definition – wenn man ein Geschlecht ganzer, mehrzelliger Organismen angeben will, ist es das aber nicht.”↩︎

  23. Einwand: “Männlich und Weiblich sind in der Biologie eindeutig und allgemeingültig definiert. Wenn man was anderes als das meint, soll man einen anderen Begriff benutzen und wenn es dafür noch keinen gibt, einen erfinden und definieren.”
    Hümmler: “Möchten Sie dazu auch noch mit dem Fuß aufstampfen und schreien? Oder sich lieber auf den Boden schmeißen und mit den Fäusten trommeln? Durch beides wird der Unsinn, den Sie verbreiten, ungefähr gleich viel wahrer.”↩︎

  24. Einwand: “Außerdem fehlt dem Geschlechtsbegriff bezogen auf Individuen ohne die biologische Definition über die Keimzellen jegliche Referenz: jeder Definitionsversuch ohne sie ist zum Scheitern verurteilt, sie wird entweder zirkulär oder reaktionär.”
    Hümmler: “Sie sind ganz nah dran. Sie sind sooo nah dran. Jetzt müssen Sie nur noch verstehen, dass für biologistische Definitionen genau dasselbe gilt.”
    Einwand: “Der Geschlechtswechsel bei manchen Spezies ist real, weil sie einmal Vater und einmal Mutter sein können, was ja das Wesen von Geschlecht ist.”
    Hümmler: “Willkommen in der zirkulären Logik der nur-zwei-Geschlechter-Ideologen.”↩︎

  25. Hümmler (2024): “Also, nochmal: Selbstverständlich kann es in der Biologie für bestimmte Fragestellungen sinnvoll sein, Geschlecht binär zu definieren. Wer allerdings diese weitgehend willkürliche Definition benutzt, um diese öffentlich herumzuposaunen […]”↩︎

  26. Hümmler (2024): “Allein der Begriff ‘Geschlechtswechsel’ geht ja von der Fiktion aus, dass das einzelne Tier ein klar zuzuordnendes Geschlecht hätte.”↩︎

  27. Hümmler (2024): “Es geht […] darum, was von Menschen, die sich für wichtig halten, als vermeintliche Wissenschaft öffentlich propagiert wird. Es geht schlicht und einfach darum, zu verhindern, dass das Ansehen der Wissenschaft für menschenfeindliche Ideologie missbraucht wird.”↩︎

  28. Hümmler (2024): “Das ist noch spezifisch genug, um es oberflächlich von Fragen des sozialen Geschlechts abzugrenzen, dem man damit noch eine, wenngleich gegenüber der Biologie als ‘echter Wissenschaft’ minderwertige, Existenzberechtigung zuspricht.”↩︎

  29. Manchmal wird ‘Gender’ insbesondere im englischsprachigen Raum auch als vermeintlich höfliches Synonym für ‘Sexus’ gebraucht.↩︎

  30. Anonym: “Ich wüsste ein tolles Partyspiel: Alle deren Vater ein Mann und dessen Mutter eine Frau waren vortreten.”
    Hümmler: “Jo, und um einen groben Eindruck zu bekommen, wie stark das schlicht das Ergebnis gesellschaftlicher Normierung ist, fragen wir in 30 Jahren einfach nochmal.”↩︎

  31. Hümmler (2024): “Dabei vergisst man dann gerne, dass nach dieser Zuordnung [nämlich der Produktion eines der beiden Gametentypen] eben nicht nur ein Teil der intersexuellen und transsexuellen Menschen, sondern zum Beispiel auch viele Überlebende von Hodenkrebs und praktisch alle Frauen jenseits der Wechseljahre überhaupt kein Geschlecht hätten.”↩︎

  32. Kommentar: “Warum sollte es in einem Tox-Test [toxikologischen Test] wichtig sein, ob die Ratten weiblich aussehen bzw. wieso sollte das der Grund für eine Gruppeneinteilung sein?“
    Hümmler: “Weil man in einem solchen Test ein paar tausend Tiere und nur begrenzt Mitarbeiterstellen hat.”

    Kommentar: “Danke, dass Sie diese Frage […] beantwortet haben, auch wenn es eigentlich die Antwort auf eine andere Frage ist, nämlich: ‘Warum untersucht man nicht, ob die Tiere alle Eierstöcke haben, die weiblich aussehen?’. Diese Frage habe ich gar nicht gestellt und zwar aus dem Grund, weil mir auch der entscheidende Teil der Antwort auf diese Frage bereits bekannt ist, den Sie weggelassen haben: weil das weibliche äußere Erscheinungsbild ein ausreichend guter Proxy für das Merkmal Geschlecht ist und man verlässlich genug darauf schließen kann, dass weiblich aussehende Ratten auch tatsächlich weiblich sind (aka Entwicklungsschritte hin zur Produktion von Eizellen durchgemacht haben). Wenn man das nicht könnte, wüsste ich nicht, warum man bei einem Tox-Test überhaupt diese Gruppeneinteilung bräuchte – deshalb ebendiese Frage an Sie.”
    Hümmler: “Die Sinnlosigkeit dieser Diskussion zeigt sich darin, dass Sie einfach nicht die schlichte Realität akzeptieren wollen, dass jede dieser Ratten Entwicklungsschritte hin zur Produktion von Eizellen und solche hin zur Produktion von Spermien durchgemacht haben. Bei den meisten dominiert halt ab einer gewissen Entwicklungsphase des Embryos mehr oder weniger eine dieser Richtungen.”↩︎

  33. Mechthild Bereswill, Gudrun Ehlert: “Kleine Anfragen der AfD als Instrument wissenschaftsfeindlicher Angriffe auf die Geschlechterforschung”, Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit (Wissenschaftsfeindlichkeit) 2, 2022, S.132-144, Wochenschau Verlag, doi.org, elibrary.utb.de.↩︎

  34. Mechthild Bereswill, Uni Kassel, uni-kassel.de, archive.org, Publikationen: uni-kassel.de, archive.org.↩︎

  35. Gudrun Ehlert, Hochschule Mittweida, hs-mittweida.de, archive.ph, Publikationen: hs-mittweida.de, archive.ph.↩︎

  36. “[W]hat is ‘sex’ anyway? Is it natural, anatomical, chromosomal, or hormonal, and how is a feminist critic to assess the scientific discourses which purport to establish such ‘facts’ for us?[…] Is there a history of how the duality of sex was established, a genealogy that might expose the binary options as a variable construction? […] If the immutable character of sex is contested, perhaps this construct called ‘sex’ is as culturally constructed as gender; indeed, perhaps it was always already gender, with the consequence that the distinction between sex and gender turns out to be no distinction at all. […] Gender ought not to be conceived merely as the cultural inscription of meaning on a pregiven sex (a juridical conception); gender must also designate the very apparatus of production whereby the sexes themselves are established. As a result, gender is not to culture as sex is to nature; gender is also the discursive/cultural means by which ‘sexed nature’ or ‘a natural sex’ is produced and established as ‘prediscursive’, prior to culture, a politically neutral surface on which culture acts.”

    Übersetzung: Was ist ‘Sexus’ überhaupt? Ist es etwas Natürliches, Anatomisches, Chromosomales oder Hormonelles, und wie soll eine feministische Kritikerin die wissenschaftlichen Diskurse bewerten, die vorgeben, solche ‘Tatsachen’ für uns festzulegen? […] Gibt es eine Geschichte darüber, wie die Dualität des Sexus etabliert wurde, eine Genealogie, die die binären Optionen als variable Konstruktion entlarven könnte? […] Wenn der unveränderliche Charakter des Sexus angefochten wird, ist dieses Konstrukt namens ‘Sexus’ vielleicht ebenso kulturell konstruiert wie das Gender; tatsächlich war es vielleicht schon immer das Gender, mit der Folge, dass sich die Unterscheidung zwischen Sexus und Gender als gar keine Unterscheidung herausstellt. […] Gender sollte nicht bloß als kulturelle Einprägung von Bedeutung auf ein vorgegebenen Sexus (eine juristische Konzeption) verstanden werden; Gender muss auch den Produktionsapparat selbst bezeichnen, durch den die Sexus etabliert werden. Folglich verhält sich Gender zur Kultur nicht so wie das biologische Geschlecht zur Natur; Gender ist auch das diskursive/kulturelle Mittel, durch das die ‘Natur des Sexus’ oder ‘ein natürlicher Sexus’ als ‘vordiskursiv’ - der Kultur vorausgehend - produziert und etabliert wird, als eine politisch neutrale Oberfläche, auf der Kultur wirkt.

    Aus Judith Butler: “Gender Trouble”, Routledge Classics, 2006(1990), Seiten 9-10.↩︎

  37. Paula-Irene Villa Braslavsky, soziologie.lmu.de, archive.org.↩︎

  38. SPIEGEL-Gespräch von Tobias Becker: “Je autoritärer die politische Haltung, desto größer die Ablehnung von Transgender und Queerness”, 23.08.2023, spiegel.de, archive.ph↩︎

  39. Paula-Irene Villa Braslavsky: “Was meint Gender? Gender - eine soziale Tatsache von Natur aus”, November 2016, soziologie.lmu.de, archive.org.↩︎

  40. Harry G. Frankfurt: “On Bullshit”, Princeton University Press, 2005. Deutsche Übersetzung - Harry G. Frankfurt: “Bullshit”, aus dem Englischen von Michael Bischoff, Suhrkamp, 2006.↩︎

  41. “On Bullshit”, de.wikipedia.org.↩︎

  42. Kathleen Stock: “Material Girls; Warum die Wirklichkeit für den Feminismus unerlässlich ist” , Edition TIAMAT, 2022.
    Carole Hooven: “T wie Testosteron; Alles über das Hormon, das uns beherrscht, trennt und verbindet” Ullstein, 2022.↩︎

  43. Richard Adams: “Kathleen Stock says she quit university post over ‘medieval’ ostracism”, 3.11.2021, theguardian.com, archive.ph.
    Carole Hooven: “Why I left Harvard”, 17.1. 2024, thefp.com, archive.ph.↩︎

  44. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft die AfD als Ganzes im Mai 2026 noch als rechtsextremistischen Verdachtsfall ein. Die Einstufung als “gesichert rechtsextremistisch” ist noch Gegenstand juristischer Auseinandersetzung. “Nach Auffassung [des Verwaltungsgerichts Köln] liegt [jedoch bereits] eine hinreichende Gewissheit dafür vor, dass innerhalb der AfD gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtete Bestrebungen entfaltet würden.”
    “AfD vorerst nicht”gesichert rechtsextremistisch”, 26.2.2026, tagesschau.de, archive.org, archive.ph.↩︎

  45. Um einer Legendenbildung vorzubeugen: Der Autor des vorliegenden Artikels steht wie Holm Hümmler auf der Seite der Ukraine und unterstützt deren Recht auf Selbstverteidigung.↩︎

  46. Tomás Bogardus: “The Nature of the Sexes: Why Biology Matters”, Routledge, Taylor & Francis, 2025, 170 Seiten, doi.org.↩︎

  47. Tomás Bogardus, pepperdine.edu, Google Scholar: scholar.google.com, archive.org vom 18. Feb. 2026.↩︎

  48. Bogardus (2025), “What the Sexes could not be - The Complex View”, S. 10ff.↩︎

  49. Maximiliana Rifkin und Justin Garson: “Sex by Design”, Biology and Philosophy 38 (13), 1–17, 2023, doi.org.↩︎

  50. Rifkin und Garson (2023): “To the extent that one believes that biology has some special authority to shape our ontology of sex – for example, the way that biologists talk and think about sex should inform our understanding of what animal sex is – then anisogamy seems to be the correct starting point.”↩︎

  51. Kate Manne auf x.com.↩︎

  52. “Vater”, duden.de aufgerufen am 24.5.2026. “Mutter”, duden.de aufgerufen am 24.5.2026.↩︎

  53. Anonym: “Ich wüsste ein tolles Partyspiel: Alle deren Vater ein Mann und dessen Mutter eine Frau waren vortreten.”
    Hümmler: “Jo, und um einen groben Eindruck zu bekommen, wie stark das schlicht das Ergebnis gesellschaftlicher Normierung ist, fragen wir in 30 Jahren einfach nochmal.”↩︎

  54. Hümmler (2024): “Viele Leute, die vorgeben, für die Integrität der Biologie einzutreten, […] bezeichnen nach Belieben öffentlich Frauen, die nicht ihren Vorstellungen entsprechen, als Männer. Während der olympischen Spiele inszenierten sie eine beispiellose Hetzkampagne gegen die (als Frau geborene) Boxerin Imane Khelif […] Biologistisch ist, wenn man versucht, aus solchen vermeintlich wissenschaftlich verbindlichen, aber letztlich auf bestimmte Forschungsfragen bezogenen Definitionen Politik abzuleiten […] Wer allerdings diese weitgehend willkürliche Definition benutzt, um diese öffentlich herumzuposaunen und damit Gesellschaftspolitik zu betreiben, stellt sich in den Dienst einer menschenfeindlichen Ideologie.”↩︎

  55. Alan Abrahamson: “Imane Khelif, the IOC, World Boxing and mandatory sex testing”, 3 Wire Sports, 1.6.2025, 3wiresports.com, archive.ph.↩︎

  56. Johannes Aumüller, Thomas Kistner: “XY ungelöst”, Süddeutsche Zeitung, 13.8.2024, sueddeutsche.de, archive.ph.↩︎

  57. Hümmler (2024): “Problematisch wird es erst, wenn Leute meinen, Jura oder Gesellschaftspolitik aus etwas herleiten zu müssen, was auch in der Biologie kein Forschungsergebnis, sondern einfach nur eine Definition ist.”↩︎

  58. “Mertonian norms”, en.wikipedia.org↩︎

  59. Dr Ace North: scholar.google.co.uk, acenorth.net.
    “Research biologist at the University of Oxford almost silenced by trans activists within the biology department”, 8 April 2026, freespeechunion.org, archive.org.
    Free Speech Union: “Biologist cancelled by his own department for acknowledging biological sex: Ace North”, 31. März 2026, Youtube.↩︎

  60. Till Randolf Amelung: “Raum für Argumente: Warum Hochschulen standhalten sollten”, 31. Okt 2025, hpd.de.↩︎

  61. L.M. Krauss (Editor) - “The War on Science - Thirty-Nine Renowned Scientists and Scholars Speak Out About Current Threats to Free Speech, Open Inquiry, and the Scientific Process”, Post Hill Press, 2025, ISBN 979-8-88845-756-6, ISBN (eBook) 979-8-88845-757-3, Literaturhinweise.↩︎

  62. Jerry A. Coyne and Luana S. Maroja: “The Ideological Subversion of Biology”, Skeptical Inquirer 47(4), July/August 2023, S.34-47, skepticalinquirer.org, archive.org, ca. 100 Literaturangaben in der Printversion.
    Deutsche Übersetzung des Artikels: de.richarddawkins.net, archive.org.↩︎

  63. Philipp Hübl: “Moralspektakel - Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht”, Siedler Verlag, 2024, 336 Seiten.↩︎

  64. John McWorther: “Woke Racism: How a New Religion Has Betrayed Black America”, ‎ Portfolio/Penguin, 2021, 224 Seiten. Deutsche Übersetzung: “Die Erwählten - Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet”, Hoffmann und Campe, 2023, 256 Seiten.↩︎

  65. “Fiktion (Recht)”, Wikipedia.↩︎